75-Jahr-Feier

Fast die erlaubte Höchstzahl von Gästen, nämlich 60, hatten sich im großen Saal des Oberurseler Rathauses eingefunden, um den Kreisverband Hochtaunus der Europa-Union Deutschland zu seinem 75. Geburtstag zu feiern. Sie waren aus beinah allen Städten und Gemeinden des Hochtaunuskreises gekommen. Man hätte annehmen können, dass, wenn eine Jubilarin nur mit Reden gefeiert wird, es doch ein wenig langweilig hätte werden können. Das war offensichtlich nicht der Fall. Den Grußworten und den beiden Gastrednern wurde konzentriert zugehört und am Schluss mit großem Beifall bedacht.

Foto: Erbeliding

75 Jahre und noch aktiv mit Europa im Kopf – die Europa-Union Hochtaunus feiert im Rathaus Oberursel

Fast die erlaubte Höchstzahl von Gästen, nämlich 60, hatten sich im großen Saal des Oberurseler Rathauses eingefunden, um den Kreisverband Hochtaunus der Europa-Union Deutschland zu seinem 75. Geburtstag zu feiern. Sie waren aus beinah allen Städten und Gemeinden des Hochtaunuskreises gekommen. Man hätte annehmen können, dass, wenn eine Jubilarin nur mit Reden gefeiert wird, es doch ein wenig langweilig hätte werden können. Das war offensichtlich nicht der Fall. Den Grußworten und den beiden Gastrednern wurde konzentriert zugehört und am Schluss mit großem Beifall bedacht. 

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Hildegard Klär als Vorsitzende eine ganze Reihe Persönlichkeiten: Außer der Bürgermeisterin Antje Runge, Stadträtin Lucia Lewalter-Schorr aus Bad Homburg, und den Kreistagsvorsitzenden Renzo Sechi, der auch die Grüße des Landrats überbrachte. Kreistagsabgeordneten. Stadtverordnete, Gemeindevertreter/innen, Vertreter/innen von mehreren Städtepartnerschaften aus dem Hochtaunuskreis würdigten mit ihrem Besuch die Arbeit des unabhängigen und überparteilichen Verbandes. Neben weiteren Gästen hatten es sich auch viele Mitglieder nicht nehmen lassen, nach zwei Jahren Pandemie endlich wieder persönlich dabei zu sein.

Nach einem kurzen Rückblick auf die Jahre nach dem Krieg, als 32 Männer und Frauen den Kreisverband Obertaunus gründeten, übergab Hildegard Klär das Wort an die Hausherrin, Bürgermeisterin Antje Runge, die sich sicher war, dass die europäische Idee, die Einigung Europas, ein Garant für einen dauerhaften Frieden, für Wohlstand und Demokratie auf unserem Kontinent. Heute und damals müsste es mutige Menschen geben, die sich hierfür einsetzten. Heute sei das dringender denn je.

In einem engagierten Statement erinnerte der Vorsitzende der übergeordneten Europa-Union Hessen und früherer Europaabgeordnete Thomas Mann daran, dass viele Menschen es lange nicht verstanden hätten, wie wichtig die Europäische Union sei. Nach dem Angriff des Aggressors Putin sei nun auch den Letzten klar geworden, dass es nur gemeinsam geht.

Europa in der Gartenstraße – eine überraschende Geschichte aus der lokalen Vergangenheit der Stadt Oberursel

Der Lokalhistoriker und Ehrenbürger Oberursels Manfred Kopp bezog sich in seinem spannenden und umfangreichen Beitrag auf eine europageschichtlich Begebenheit, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Ein junger Mann, gerade 25 Jahre alt und aus dem Krieg heimgekehrt, wollte die Menschen im Nachkriegsdeutschland mit zuverlässigen Informationen aus Deutschland, Europa und der Welt versorgen. Er gründete mit dem großen Wohlwollen der amerikanischen Besatzung und unter großen Schwierigkeiten in der Zeit der Mangelwirtschaft 1946 einen Verlag, den er „Europa Archiv“ nannte. Wilhelm Cornides, so hieß der junge Mann, ließ sich in Oberursel nieder, weil er im Obergeschoss einer Schreinerei, das als Holzlager diente, einen Redaktionsraum für sich, seinen Chefredakteur Hermann Volle und 37 weitere Mitarbeiter gefunden hatte. Hier sollten Veröffentlichungen anderer Zeitungen und Magazine aus aller Welt zusammengetragen und den Menschen zugänglich gemacht werden.  Für die Amerikaner kam Cornides‘ Projekt gerade richtig, betrachteten sie doch sein Unternehmen als Teil der Re-Education, das den Deutschen die Demokratie näherbringen sollte. Die Schreinerei – heute nicht mehr vorhanden - befand sich in der damaligen Gartenstraße, gerade um die Ecke von Rathaus und Stadthalle. Sie heißt heute Korfstraße. Gegenüber gab es obendrein passenderweise eine Druckerei. Bis 1950 existierte, das „Europa in der Oberurseler Gartenstraße“, wie Manfred Kopp es im Titel seiner Veröffentlichungen nennt.

Die umfangreichen Bestände und weitere Unterlagen lagern heute nach mehrmaligen Umzügen in den Räumen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Wer Genaueres über Wolfgang Cornides und seine großartige Idee wissen will, sollte sich den längeren Beitrag im Jahrbuch 2013 des Hochtaunuskreises (21. Jahrgang) anschauen. Die Anwesenden würdigten Manfred Kopps Arbeit und seinen Redebeitrag über das „Europa Archiv“ mit einem sehr großen und langanhaltenden Beifall.

Die Europäische Union – ein Blick in die Vergangenheit einer unvollendeten Geschichte

Der zweite Festredner, Professor Christopher Kopper, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni Bielefeld lehrt, schlug in seiner Rede einen großen Bogen über das Entstehen und die weitere Entwicklung der Einigung Europas während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Er erläuterte zunächst, dass die Umsetzung der europäischen Idee zu einem gemeinschaftlichen Europa bereits mitten im Krieg 1941 auf einer Gefangeneninsel im Mittelmeer namens Ventotene von zwei dorthin verbannten Italienerniedergeschrieben wurde. Verbunden ist dieses Konzept vor allem mit dem Namen Altiero Spinelli. Er verfasste zusammen mit Ernesto Rossi das sozialistisch inspirierte „Manifest von Ventotene“, das zur revolutionären Gründung eines europäischen Bundesstaates nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufrief und vor allem in europäischen Widerstandskreisen Verbreitung fand. Aufgrund dieses Manifestes wurde in Italien bereits 1943 das Movimento Federalista Europeo gegründet. Aus dieser und ähnlichen Initiativen entstand schließlich die Union Europäischer Förderalisten (UEF), die zum heutigen Dachverband der Europa-Union Deutschland wurde. 

Der 9. Mai 1950 wird zum politischen Beginn der Umsetzung der „Europäischen Ideee“

Offiziell wurde die Politik zur Einigung Europas am 9. Mai 1950 mit einer Grundsatzrede des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman begonnen. Sie enthielt den Vorschlag der Gründung einer „Montanunion“ durch sechs europäische Staaten. Entwickelt worden war dieses neue Konstrukt von einem französischen Unternehmer, der sich eigentlich nur Gedanken machen wollte, wie die französische Wirtschaft nach Kriegsende wieder Fahrt aufnehmen könnte. Er hieß Jean Monet und wurde sein Leben lang zum Begleiter der europäischen Einigung. Darin hatte er dargelegt, dass als ein erster Schritt zur angedachten Gemeinschaft, die Kohle-, bzw. Stahlwirtschaften von Frankreich, den Benelux-Staaten, Italien zusammen über die Grenzen hinweg arbeiten sollten. Die gerade entstandene und noch ziemlich zerstörte Bundesrepublik Deutschland wurde fest in die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ mit eingebunden. Schon damals war klar, dass dieser erste Schritt nur der Beginn einer noch größeren Gemeinschaft ohne Zollschranken werden sollte. 

1992 - die neue Hoffnung auf eine gemeinsame europäische Zukunft nach Ende des Kalten Krieges

Als den historisch größten Schritt nach der Gründung beschrieb Prof. Kopper den Vertrag von Maastricht 1992, der nach dem Fall von Mauer und Eisernem Vorhang geschlossen wurde mit den damals 12 Staaten der EWG. Darin wurde u.a. die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion mit einer einheitlichen Währung festgeschrieben, aber auch die Notwendigkeit von sozialen Rechten für alle Bürgerinnen und Bürger der neuen „Europäischen Union“ wurde erkannt. Am Ende seines sehr ausführlichen und informativen Vortrags erhielt Prof. Kopper ebenfalls einen starken Applaus.

Zum Abschluss gab es noch genügend Zeit für ein Get-together mit Sekt, leckeren Kanapees und guten Gesprächen. So schloss die Geburtstagsfeier der Europa-Union mit „Europa im Kopf“ auch bei den zahlreichen Gästen.